Aus "Hier daheim"


DER DICHTER

SCHON wieder einer, der uns mit seinen klugen Ratschlägen fangen will, der uns seine knochigen Finger entgegenstreckt, weil er „die Weisheit mit Löffeln gefressen hat" und uns vielleicht für seine Philosophien gewinnen will? Mich nicht! Erst letzte Woche: Wir mussten alle, statt Deutschunterricht, in die große Aula, und oben auf der Bühne saßen neben dem Direktor zwei fast kahlköpfige Arbeiterveteranen mit wenig Humor für uns Halbwüchsige. Die erzählten von früher: Von der Zeit vor und nach dem Krieg, den Hungerjahren, von den Russen und der Zeit, als später die Amis einmarschierten. Einer von ihnen überlebte gar das KZ Buchenwald, zeigte uns voller Stolz seine vielen Aktivistennadeln, und anschließend sollten wir ihnen Fragen stellen. Was fragt man fast achtzigjährige, zittrige Greise? Ich habe kaum zugehört, mit meinem Nachbarn gequatscht, die scharfe Elke vor mir an ihrem langen „Zwiebelzopf" gezogen, Blausenkaugummi traktiert, und dann hat mich unser Klassenlehrer, Herr Triller, rausgeschmissen. Die restliche Zeit bis zur Pause musste ich vor der Tür verbringen. Dort wanderte ich mit den Augen über die vergilbte Tapete und zählte die noch sichtbaren Blumen in dem einst bunten Muster. Ich hätte nichts verpasst, sagte mir später ein Klassenkamerad, er sollte nicht Recht behalten...
Man verpasst immer etwas, wenn man älteren Menschen nicht zuhört; doch das wollte ich
damals noch nicht so recht begreifen!

HEUTE sitzen wir also wieder in der Aula, auf der Bühne der Direktor, doch der Stuhl neben
ihm ist noch leer, und auch hinter dem FDJ-blaubetuchten Rednerpult steht noch keiner.
Ein Dichter, sagte Herr Triller, wird aus seinen Werken lesen und auch, dass er aus Hohenstein-Ernstthal stamme, wie unser berühmter Karl May.

INTERESSIERT mich einen Dreck! Hauptsache Gaby kommt mit ihrer Klasse und setzt sich in meine Nähe. Gabriele ist nämlich meine heimliche Liebe. Die Aula füllt sich mit den Neunt- und Zehntklässlern. Es ist ziemlich laut, Füße scharren auf dem öligen Holzfußboden und alles schnattert durcheinander, die Mädchen sind dabei noch am ruhigsten. Gaby geht in die achte Klasse. Hat man die etwa nicht eingeladen?
Unruhig rutsche ich auf dem harten Klappsitz hin und her und klappere nervös mit dem Ablagebrett. Es scheppert, und mein Lehrer legt drohend seinen Zeigefinger auf dem Mund.
Vor Herrn Triller habe ich den größten Respekt! Doch Gott sei Dank, endlich rücken die Achten ein. Gaby auch. Sie müssen die ersten Reihen belegen, und wir konnten nur kurz einen Blick tauschen. Ein zartes Lächeln - ich bin selig.
Vom Dichter aber noch immer keine Spur, und die einzelnen Klassenlehrer haben immer mehr Mühe, Ruhe in diesen hohen Saal zu bekommen. Auf den riesigen Fensterscheiben brechen sich goldene Sonnenstrahlen, Staub flimmert im Licht und fast unscheinbar, lautlos wie auf Indianersohlen, schleicht ein weißhaariges krummes Männlein im Gang an uns vorbei und steuert Richtung Podium. Aus seinem verrunzelten Gesicht schauen lebensfrohe Augen. Unter dem rechten Arm trägt er eine schäbige braune Aktentasche mit verrosteten Schnallen, von denen die Goldschicht abblättert. Noch einmal versuche ich, Gabys Blick zu erhaschen, doch sie dreht sich nicht mehr um.

LANGSAM blättert der Dichter durch seine dicken Bücher. Seite um Seite befreit er von Worten, schleudert sie uns aussagekräftig entgegen, haucht sie, wenn es angebracht erscheint, zärtlich in den Raum, und ich träume mich beim Zuhören in eine andere weite und bessere Welt. Mit sanfter Stimme rezitiert er Verse, überschüttet uns mit schrecklichem Donner und Gewitter, lässt Schneesturm toben und Wasserfälle zu Eis erstarren. Die Zeit scheint still zu stehen, alle atmen tief und sind in Gedanken versunken - plötzlich reißt uns das schrille Pausenzeichen aus dem Halbschlaf. Weit fort hat er uns in diesen Minuten gelesen, und im Nu zerplatzte diese große, bunte Seifenblase Literatur, welche in der Aula über unseren Köpfen schwebte.

SO oder ähnlich hatte es sich also 1965, während einer Lesung in meiner Schulzeit abgespielt, und in mir wurde ein Begeisterungsfeuer für Literaturen gezündet - zwei Jahre begann ich dann meine ersten Verse zu schreiben...
PS:
DER Dichter war der Schriftsteller Werner Legere.
Er starb am Nachmittag des 14.Oktober 1998 im Alter von 86 Jahren. Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Ich war in Timbuktu", „Die Nacht von Santa Rita" und „Unter Korsaren verschollen".
Eine alte Volksweisheit sagt: „Wenn wir vergessen werden, hören wir auf zu existieren."
Deshalb bleibt mir Werner Legere unvergessen...


PFINGSTEN IN ERDER
Als sich die kühle Nacht heran schlich,
spielte der Fährmann in Erder
Mundharmonika.
Ein Kahn schipperte linksweserwärts
und ein Mond-Schein-Licht war
und eine Skipperfrau,
die Sehnsucht in den Augen trug.
Ich saß im taufeuchten Gras
und hörte Schwalben weinen -
dann warf ich ihr mein Fernweh zu.


ISLAND-REISE ( für Halldor K. Laxness )
I
In dieser Steinwüste einen vermummten Reiter zu treffen,
sei ein goldiger Fund,
sagte mein isländischer Freund
Im Aquarell graste eine Ponyherde
und beroch mich Fremdling
II
Schwäne am Tjörnin mit Brotkrumen zu füttern
ist wie den Schiffen auf dem Mittel-Land-Kanal
nachsehen
Vielleicht trifft man sich einmal
auf unseren sumpfigen Wiesen
III
In der Faxafloi-Bucht singt eisige Luft
der Dichter Lieder -
rauchig schweift mein Blick über's Meer
Hier lerne ich zu schweigen
und aus Worten Edelsteine formulieren
IV
Johnstoft, das weiße Haus des greisen Denkers
im Cherry-Duft
Gottesgabe
solch' Literaten begegnet zu sein

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