Aus "Abgerechnet wird zum Schluss"
oder "Liebe ist nur Illusion"


LIEBE IST NUR ILLUSION oder
ICH MACH'S DER BARONIN

EIGENTLICH wollte ich heute nach Eisbergen; Einkaufen, Tanken und halb zwölf zum Friseur. Plötzlich, über Nacht, hatte der Himmel unsere Landschaft strahlend weiß angezogen. Das hatte ich halbtrunken verschlafen. Deshalb lag allerhand Schnee.
Ich fuhr am Kloster Möllenbeck vorbei und bog dann links, durch die Weserwiesen, ab.
Hier, auf diesen engen Straßen, herrschte kaum Verkehr. Ich fuhr nicht all zu schnell, rauchte noch etwas verträumt und sah weit vor mir mitten auf dem Feld, vielleicht so zwanzig Meter neben der Straße, ein dunkles Auto stehen. Scheinbar ist der Fahrer eine Kurve zu rasant angegangen und von der Fahrbahn abgekommen? Ich fuhr etwas langsamer. Als ich so fast auf gleicher Höhe mit dem Wagen war, kurbelte eine Frau darin das Seitenfenster herunter und fuchtelte wild mit ihren Armen.
Ich hielt an, stiefelte über das Feld und versank knöcheltief im weichen Boden.
„Können Sie mir bitte helfen! Ich muss ganz dringend nach Lemgo und stecke hier fest."
„Ich habe eigentlich bei meiner Friseuse einen Termin..."
„Bitte! Wenn Sie Zeit haben, ich bezahle es Ihnen, und ein Handy habe ich auch dabei. Könnten Sie vielleicht Ihren Friseurtermin verschieben?"
Sie sah mich bittend, flehend aus schönen Augen an.
Die Frau war gut gekleidet; Ende Dreißig etwa. Ihr Wagen, ein fetter BMW, roch nach Geld.
„Okay, steigen Sie bei mir ein, aber ich muss erst einmal meinen Termin absagen."
Im Haarstudio Haarlekin meldete sich die Chefin. Sie ist eine Landsmännin von mir und
stammt gebürtig aus Freiberg. Kurzer geographischer Einschub: Freiberg ist eine Kleinstadt in Sachsen und liegt im herrlichen Muldetal zwischen Chemnitz und Dresden.
Sie findet meine Bücher gut und ich immer die kurze Unterhaltung mit ihr beim Haareschneiden. Wir verlegten den Termin spontan auf morgen.
Dann fuhr ich los.
Die Frau zündete sich eine lange Zigarette an; die hatte einen weißen Filter.
Schon wollte ich sie in ein Gespräch verwickeln, doch sie kam mir zuvor.
„Fragen Sie mich bitte gar nichts. Ich sage Ihnen nachher, wo wir in Lemgo parken können."
Ziemlich nervös trommelten ihre Finger leise auf der Ablage. Im Radio dudelte was von Grönemeyer.
Wir fuhren also schweigend, fast eine dreiviertel Stunde bis Lemgo und parkten in einer Seitengasse in der Nähe der Post. Dann liefen wir in die Lange Straße und bleiben vor einem großen Haus stehen. Neben der Eingangstür hing ein glänzendes Schild: Rechtsanwalt.
„Warten sie bitte hier, bis ich wieder zurück bin", und schon war sie verschwunden.
Ich zündete mir eine Zigarette an und betrachtete einige Schaufensterauslagen. Der Hunger überfiel mich. Ich kaufte mir eine Bratfischsemmel und trank einen Becher heißen Tee. Die Zeit verstrich.
Ich fror.
Nach einer reichlichen Stunde tauchte sie dann endlich wieder auf. In der Hand hielt sie einen dünnen, hellbraunen Aktenordner.
„Wir können wieder zurück."
„Wohin?"
„Zu meinem Wagen natürlich."
Auch auf dem Rückweg sprachen wir kein einziges Wort. Ihr BMW stand noch immer auf dem Feld. Die Außentemperatur war nun etwas milder und es nieselte leicht. Der Schnee lief weg wie heiße Butter.
„Wir könnten zu einem Bauer fahren, dass der Ihnen den Wagen mit seinem Traktor heraus zieht", sagte ich.
„Kennen Sie denn hier jemand?"
„Ich wohne ja in Stemmen, also kenne ich dort auch einen Bauer."
„In Ordnung.
Wir fuhren die knapp zwei Kilometer zurück und neben der alten Schule, in der heute nur noch gewählt wird, oder nicht, wohnt der Bauer, der seine Kühe sommers auf „meiner" Wiese stehen hat.
Ich schilderte ihm kurz was los war, dann tuckerte er mit seinem Traktor langsam hinter uns her.
Es machte reichlich Mühe, den schweren BMW vom Feld zu ziehen. Die Räder steckten tief im Schlamm aber irgendwie gelang es dann dem guten Mann doch.
Die Frau drückte ihm einen Zwanzig-Euro-Schein in die Hand und stieg in ihren Wagen.
Aber der sprang nicht an. Er tat keinen Zucker!
Sie startete mehrmals.
Der Bauer meinte, wir sollten in Rinteln den Abschleppdienst anrufen. Nach einer geraumen Weile kam das Havariefahrzeug. Der „Fachmann" untersuchte den BMW.
„Das Auto müsste erst mal mit in die Werkstatt. Da ist hier vor Ort nichts zu machen."
„Sie könnten bei mir eine Tasse Kaffee trinken und wenn der Wagen fertig ist, bringe ich Sie nach Rinteln?"
„Einverstanden."
Ich gab dem Fahrer meine Telefonnummer, dann fuhr ich mit ihr auf den Ranzenberg.

BEI mir zu Hause sah es ziemlich wüst aus. Auf Besuch war ich nicht eingestellt. Der Abwasch von zwei Tage türmte sich in der Küche, die Decke auf der Couch lag wirr ausgebreitet und hing herunter bis zum Fußboden. Auch zwei Aschenbecher waren noch randvoll mit Kippen.
Die Frau sah sich gründlich bei mir um, zählte mit den Augen meine fast zweitausend Bücher und betrachtete die vielen Bilder an der Wand. Alles Originale!
Vor Helmuts Bild verweilte sie am längsten. Es ist ein Ölgemälde. Er hat es mir vor zwei Jahren zu Pfingsten in Wien geschenkt. Es ist mein Lieblingsbild. Gelbe Blumen in einer blauen Vase sind darauf. Ich saß mal sturzbetrunken eine halbe Nacht davor. Wenn man betrunken ist denkt man, die Blumen haben Gesichter und machen Faxen. Sie haben mich damals nur an oder ausgelacht.
„Möchten Sie einen Cappuccino?"
„Ja, gern."
Sie war noch immer sehr kurz mit ihren Antworten, doch legte nun den teuren Mantel über meinen Schaukelstuhl.
Ich ging in die Küche und kochte Wasser. Dann trug ich die Tassen in das Wohnzimmer.
Die Frau stand nicht mehr vor dem Bild sondern lag auf dem Fußboden, ohnmächtig.
Auch das noch! Was sollte ich nun machen?
Ich befühlte ihren Puls am Handgelenk. Sie zuckte leicht. Dann trug ich sie, samt dreckigen Stiefeln rüber ins Schlafzimmer auf mein Bett und legte ihr anschließend einen nassen Waschlappen auf die Stirn. Sie erschreckte, bäumte sich kurz auf, doch fiel gleich wieder zurück ins weiche Kissen.
„Wo bin ich hier?"
Ich erklärte es. Scheinbar hatte sie sich an diesem Tag etwas zuviel zugemutet.
Ich schaltete den Wasserkocher noch einmal ein und wir tranken dann unseren Cappuccino.

AUF meinem großen Wohnzimmertisch lagen neben den Kaffeetassen einige Manuskripte für mein nächstes Buch.
„Sind sie Schriftsteller?"
„Ja, aber ein schlecht bezahlter."
Endlich entspann sich so etwas wie eine Unterhaltung. Ich zeigte ihr einige Bücher von mir und sie fragte mich, über was ich so schreibe.
„Auch über die Liebe", fragte sie etwas später?
„Ja, aber darüber würde ich Ihnen lieber ein Gedicht zum Lesen geben, denn darin ist meine Meinung zur Liebe am besten beschrieben."
„Nur zu!"
Ich warf den PC an und wollte das Gedicht ausdrucken, aber dieses Scheißding von Drucker zeigte mir mal wieder nur eine Fehlermeldung. Das geht schon ein paar Tage so, doch Gott sei Dank hat mir mein Kumpel eine Anleitung da gelassen.
Ich mache also den PC wieder aus, drücke nach dem Neustart auf die Entf.- Taste, gehe dann mit der Pfeiltaste auf Integrated Peripherals, drücke Enter, gehe wieder mit der Pfeiltaste auf Parallel Port Mode und wähle mit der großen Plustaste bis dort SPP eingestellt ist.
Dann schließe ich mit Esc ab, gehe auf Save & Exit Setup, drücke Enter, dann die Z-Tasteund wieder Enter. Neustart.
Es geht! Das schaffe ich gerade noch so, bin eben ein PC-Rindvieh.Ich reiche ihr mein Gedicht:

LIEBE

Sie trug längst keinen Schlüpfer mehr,
als ich ihr unten am bleiernen Weserfluss
meine Zunge in den Hals schob
und sie mit Küssen fast erstickte.

Von oben purzelten Kastanien auf uns
und unten herum war's einfach zu feucht,
um es im Gras zu machen.
So fickten wir also im Stehen.

Das ging dann bei mir ganz schön flott,
denn ich hatte es lange nicht gemacht
und großen Durst darauf,
dass es endlich kommt.

Nun war es also soweit.
Sie schrie wie ein verschreckter Nachtvogel
und ich sah in einen Mond,
wie ihn sonst nur Dichter besingen.

Dann flüsterte sie
das Fünf-Buchstaben-Wort.
Scheiße, dachte ich! Schon wieder eine,
die noch fest an Märchen glaubt...

Sie liest es und verzieht dabei keine Miene. Ich rauche und trinke den Rest Rotwein von gestern aus der Flasche. Sie liest es noch einmal.
„Würden Sie das bitte für mich signieren?"
Ich kritzel meine drei Buchstaben und das heutige Datum darunter: 5.02.2003.
Dann klingelt ihr Handy. Die Werkstatt aus Rinteln meldet sich endlich; ihr Wagen kann abgeholt werden.
„Woll'n wir los?"
„Ich gebe ihnen noch meine Karte und das Geld für ihre Mühe."
Sie schiebt mir 50 Euro und ihre Visitenkarte - Baronin Constanze F. C. - Schaumburg-Lippe, zu. Ich lege die Karte auf die Tastatur des PC's und fahre sie nach Rinteln in die Autowerkstatt.

DREI Tage später klingelt nachmittags das Telefon bei mir.
„Hallo Dichter! Wollen wir's machen?"
„Was?"
„Na das, was im Gedicht steht. Am selben Ort und gleich nachher?"
Im ersten Moment bin ich ziemlich sprachlos. Donnerwetter! Die geht aber ran!
„Okay. In einer Stunde?"
„Und wo treffen wir uns?"
„Wenn Sie durch Stemmen sind, fahren sie immer geradeaus bis kurz vor Erder. Da ist eine scharfe S-Kurve und rechterhand ein kleiner Waldweg. Am besten, sie stellen das Auto an der Straße oben ab."
„Ich werd's schon finden."
So bin ich dann hin und habe es mit ihr wie im Gedicht gemacht.

EBEN, es sind wieder ein paar Tage verstrichen, hat sie angerufen. Nachher geht es also wieder richtig zur Sache, nur heute werde ich sie fragen, ob sie vielleicht im Sommer einen Gärtner braucht.
PS: Es ist köstlich, von schönen, reichen Frauen zu träumen, zu schwärmen und sie zu lieben. Doch leider war alles bloß Illusion, eine Selbsttäuschung, wie eben auch oftmals die Liebe, der ich schon lange den Stinkefinger zeige...

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FRAGMENTARISCHE REMINISZENZEN oder
NOCH IMMER AUF DER SELBSTSUCHE
DIE topographische Lage von Stemmen ist Balsam für meine Seele.
Unser kleines Dorf liegt am 9. Längengrad von Greenwich. Nördlich schneiden wir Petershagen, das östliche Bremen und Husum, südlich die Städte Arolsen, Hanau, Tübingen sowie Genua. Schreiten wir noch etwas weiter südlicher, so führt die Linie mitten durch Korsika, Sardinien und die Sahara.
Zusammengedrängt, wie Vogelnester, kleben die Häuser am Hang. Die Landschaft ist leicht hügelig und ihre Farben sind oft stumpf. Hier gibt es keine leuchtenden Töne, es sei denn, der Bauer bestückt sein Feld mir gegenüber wieder mal mit Raps.
Wir sind von kleinen Wäldern eingefriedet und hinter unserem See zieht die Weser ruhig ihre Schleife. Es ist echt ein Stück Erde, auf dem sich die Lebensräume der Menschen berühren, ohne dass diese Menschen sich dadurch bedrängt fühlen.
Ich blicke aus meiner Dichterstube auf eine Wiese. In den Sommermonaten grasen dort drei kräftige Milchkühe. Manchmal verirren sich dahin auch Rehe, anderntags ein Fuchs. Wenn die raue Herbstzeit naht, überqueren Zugvögel unser Terrain.
Hier, weit Abseits vom Großstadtlärm, schlummert noch die Stille im Einklang mit der lebendigen Natur. Es gibt eben noch Orte, wo man länger als nur einen Wimpernschlag verweilen sollte.
Ich höre Musik. Panflöte, geblasen vom Kolumbianer Jose Pajares.
Sie klingt weich und sanft, verführerisch. Irgendwo liegt der Horizont. Sehnsucht nach Unerreichbarem. Wie träumt eine Muschel im Schnee? Wohin fliegt der weiße Condor?
Berge. Unendlich ist unser Land und du, Bruder, musst nur fröhlich sein...
Als ich damals in Arizona die letzten Tage meines ersten Lebens mit den Mexikanern verbrachte, hatte die Sonne längst noch nicht ihr gütiges Lächeln aufgesetzt. Die Märztage waren auch dort morgens frostig, und erst gegen zehn war's dann angenehm warm. Das war auch meist die Zeit, in der Elias aus seinem Auto kletterte, sich kurz durchs zerzauste schwarze Haar strich und mich stets mit einem freudigen Lächeln begrüßte.
Seine derben Hände waren noch von der Arbeit des Vortages gezeichnet. Ölig, schmierig, voller Schmutz. Elias Hände sah ich nie sauber, doch es machte mir nichts aus, wenn er dem Catfisch die Kiemen ausriß, das rohe Fleisch auf dem Grill wendete und mir dann eine selbst gedrehte Zigarette zuschob.
Was haben wir, was heißt wir, die anderen, damals gelacht, als ich mein erstes Chili-Bier trank. Das war Feuer im Schlund und mir rannen die Tränen, und ich dachte dabei an das durchlöcherte Kojotenweibchen. Mit einer Kugel hatte ich am frühen Nachmittag ihren Kopf zerschmettert und Stunden später umkreiste ein Kojote das tote Weibchen. Für ihn hatte ich dann keine Kugel mehr.
Wenn ich nun diese Panflötenmusik höre, denke ich immer an Elias. Er pisste wie ich an die blaue Agave und furzte in den Wind der Sonora Wüste. Sein Lieblingsinstrument war eine alte Mundharmonika...

EINER meiner Freunde ist der kirgisische Holzbildhauer Alexander Ismailow.
Mit ihm sitze ich im sonnenheißen Gras und er summt ein altes russisches Volkslied. Es klingt wehmütig, aber sein Gesicht ist voller Tatendrang.
Meist bearbeitet er Wurzelholz zu kunstvollen Skulpturen. Mit seinen Werken will er uns zum Denken auffordern und zum tieferen Verständnis des Seins führen.
Man muss aber sehr viel Phantasie besitzen, um seine Werke zu deuten.
Der Autor sei der Kosmos, und er nur das Werkzeug.
Ob man sich auch in surreal anmutenden Figuren wiedererkennt?

Mütter sind meist die Rettungsengel ihrer Söhne, zumindest, wenn diese noch Junggesellen sind oder nach einer Trennung wieder allein leben.
Mich bekocht derzeit keine Frau. Gewiss kann ich mich ganz gut selbst versorgen, aber oftmals erspare ich mir die aufwendige Zeit, um eine leckere Mahlzeit auf den Tisch zu zaubern.
Gemüse verzehre ich daher ausschließlich roh und in der Woche esse ich meist nur belegte
Brote. Zu oft lag bei mir in den vergangenen Wochen nur die Eintönigkeit auf dem Teller.
Für den morgigen Sonntag habe ich mir deshalb 600g Hackfleisch halb & halb gekauft.
Ich telefoniere mit meiner Mutter:
„Du nimmst etwas Salz, Pfeffer, wenig Kümmel, und eine ganze Zwiebel. Dann weichst du ein Brötchen ein, drückst es gut aus, gibst ein Ei dazu, vorher verquirlen, und knetest das Ganze mit der Hand kräftig durch. Dann gibst du ca. 3 Esslöffel Öl in einen Tiegel und brätst die Klößchen auf Stufe zwei. Und vergiß nicht: langsam braten und mehrmals wenden."
Danke Mama, ciao."
Ein Dichter lebt beileibe nicht nur von der Liebe und vom Gedicht!

MEINE Literatur ist vielleicht nicht gerade ein Triumphgesang auf die deutsche Sprache; zu derb, obszön, vulgär und direkt. Es ist aber das Ekstatische in meinem Leben, das mir zu schwärmerischen Visionen verhilft.
Worte haben zwar oft viele Gesichter, aber spiegeln nur ganz selten das wider, was sich wirklich in einem Menschen abspielt.
Daher liebe ich besonders Fragmente. Sie sind Aufbruch und kennen noch nicht das Ende.
Eine Erzählung, Novelle oder der Roman verlangen Geschlossenheit bis zum letzten Wort.
Im Fragment dagegen erfrischt noch der Werdewille, die Direktheit des Blicks auf das Wesentliche des Augenblicks.
Aufzeichnungen oder Skizzen eines Schriftstellers sind daher oft aussagekräftiger, weil sie aus einer plötzlichen Intuition heraus geschrieben wurden. Man spürt dabei noch das Werden.
Man erlebt dasselbe im Geiste und kann sich, wenn man ebenfalls über einige Lebenserfahrung verfügt, mit dem Schreiber und seinem Dasein identifizieren.
Daher gibt es oft Nächte, wo der Schlaf mein Feind ist. Da verbrüdert er sich nicht mit mir, lehnt mich einfach ab. Meist sind es solche Nächte, nach jenen Abenden, an denen ich lange geschrieben habe und dann stocknüchtern ins Bett gefallen bin.
In solchen Nächten werde ich zwischendurch manchmal wach. Wie in der gestrigen, um 2.51 Uhr. Da stehe ich kurz auf und notiere mir das, was mich beschäftigt. Meist konnte ich bisher das für mich Wesentliche festhalten, denn bringt man es nicht sofort zu Papier, ist es am nächsten morgen fort. Ganz einfach weg, wie der viele Schnee, der um die Neujahrszeit lag.
Einige Nächte habe ich in der Wüste geschlafen. In der Wüste bist du den Sternen näher als anderswo. Es geht etwas Versöhnendes von ihnen aus. Wenn du ganz allein mit ihnen bist, begreifst du deinen Durst nach dem Universum.
Manchmal frage ich mich, wann ich wieder aufbreche.

SIE schreiben viel über mich! In Bunt, in schwarz-weiß und oft in fetten Lettern. Meist sind es Frauen, Journalistinnen. Einige widmen mir sogar mehr als 'ne halbe Seite im Lokalteil, andere bringen mich aufs Titelblatt.
Sie schreiben, ich sei Karl May-Fan, sei Che Guevara Anhänger und würde mit Vorliebe intime Deftigkeiten a la Charles Bukowski von mir geben.
Ein Hocher und Heimatlyrik? Das ist für sie wie Chili mit Vanilliensauce oder Nakttänzerrinnen beim Kindergeburtstag.
Hätten sie mehr Zeit und würden in meinem Bücherregal MEIN KAMPF entdecken, wäre ich bestimmt ein Nazi.
Sie sind nur an mir als Extremist interessiert, verdrehen daher oftmals Wahrheiten, weil ihnen die Zeit zu tiefgründiger Recherche fehlt, denn irgendein Karnickelzüchterverein steht als nächster Tagesordnungspunkt auf ihrem Programm.
Ich weiß nicht, ob schon jemals eine Pressetante ein Buch von mir gelesen hat. Ich soll mich nur immer schön in Pose setzen, damit ihr Bericht abgerundet ist.
Weil ich eben in keine Schublade passe, kratzen sie nur an der Oberfläche.
Seit meiner Schulzeit interessieren mich die Bilder des vielleicht letzten Expressionisten unserer Zeit, Heinz Tetzner. Viele seiner Gemälde leuchten in den feurigsten Farben, einem Gemisch aus Blut und Sonne.
Ich erinnere mich noch genau an ein Wandgemälde von ihm. Es war ein riesiges Bild und schmückte damals im kleinen Saal des „Grünen Tals" unseren Jugendweiheraum. Eine Bäuerin war darauf zu sehen, ein Soldat, Kinder und Proleten.
Als junger Mensch damals habe ich sein Werk nicht verstanden, weiß nur, dass sein Bild in den DDR-Jahren später entfernt wurde. Ich habe mich deshalb oft gefragt: Warum?
Dass ich zu ihm nun DU sagen darf, macht mich schon stolz, aber <wie> er seine Malerei interpretiert, noch mehr:
„ Die KUNST ist kein geschicktes Abmalen der Dinge, sondern ein persönliches Deuten des Erschauten und Erlebten."
Da alle meine Bücher mehr oder weniger biographischen Charakter beinhalten, kann ich mich deshalb mit seiner Malerei total identifizieren, denn auch meine Schreibe profitiert vom Erlebten und Erschauten und spiegelt sich in Zeitdokumenten wieder.

FAST jeden Tag drehe ich auf dem Sonnenhang hinter dem Haus meine Runde. Hier bin ich mit der Natur eins.
Mein kleiner Freund, der Kater, spielt mit bunten Blättern, nebenan verputzen drei weiße Gänse das restliche Grün.
Am Ende des Anstiegs befindet sich ein kleines Wäldchen. Auch hier haben die Herbststürme kräftig gewütet, viele Wurzeln der mächtigen Eichen sind ausgespült. Ganz selten verirren sich Menschen hier hoch.
Im Tal grasen Pferde, am Horizont pflügt der Bauer das Jahr um. Auf der anderen Seite blicke ich auf den Südhang des Wiehengebirges. Dort steht das mächtige Kaiser Wilhelm Denkmal, unten, hinter der Weserschleife, die Windmühlen von Eisbergen und Veltheim.
Oft frage ich mich hier oben, ob Stemmen wohl meine letzte Station sein wird, denn auch in einer „Einöde" irrlichteliert der Wahnsinn.
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