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Helmut Schida : Der etwas andere Mister Bukowski in Wien Am 3. Juni - Pfingstsonntag, 20 Minuten vor 7 - ruft er mich an: "Du, ich steh hier in der Zelle bei der Tankstelle Kreuzung Julius Ficker-Straße, Kürschnergasse." Dabei hatten wir eine Zeit zwischen 7 und 8 Uhr vereinbart. So bin ich noch ohne Frühstück und Morgentoilette und war auch noch nicht auf'm Klo, was sich für meinen Tagesablauf verheerend auswirken kann. "Geht klar, ich hol dich in spätestens in 20 Minuten ab. Geht das O.K.?" "Ja, ja!" "Na gut, ich fahr los." Als ich auf der Gegenfahrbahn an der Tankstelle vorbeifahre, sehe ich ihn schon bei seinem silbergrauen Honda stehen. Er winkt mir zu, ich winke müde zurück. Der "etwas andere Mister Bukowski" aus Deutschland (NRW) hat es also doch bis hierher nach Wien geschafft. Dann sitzen wir bei mir im Wohnzimmer und quatschen über seinen harten Job als Leiharbeiter bei einer Teilzeitfirma. Ich bin nun etwas über 4 Jahre dort und hab' in dieser Zeit über 60 verschiedene Firmen durchwandert. Das musst du dir mal auf der Zunge zergehen lassen, Alter; 60 Jobs! Und überall, wo du neu hinkommst, bist du der letzte Dreck und wirst auch genauso behandelt. Ich hab' im Lauf der Zeit vieles ausprobiert: Bratkartoffeln aussortiert, Küchen gereinigt, Spanplatten vom Band abgenommen, im Kraftwerk und auf 'ner Werft geschweißt, war Metaller und Schlosser, hab Preisschilder aufgelistet, war Waldweg-Feger beim Chef meiner" Firma - das war noch der beste Job - viel Sonne und die Tochter vom Alten kam sogar mit einer Flasche Mineralwasser an - ha!" Er sitzt mir gegenüber auf dem Plastiksessel in meinem 8 x 4 m kleinen Gärtchen in Floridsdorf, zündet sich einen stinkenden Zigarillo nach der anderen an und seine munteren Augen folgen während unseres Gesprächs jeder meiner Bewegungen. Alter, ich hab verdammten Durst. Hast'n Bier daheim?" Eines? Eine ganze Kiste voll." Er zieht sich das erste Bier in knapp zwei Minuten rein, reißt die zweite Dose auf, bald danach die dritte. Er ist eben nicht nur ein starker Malocher und Schreiber! Ich hab schon immer auf meinen Reisen das eine oder andere Lieblingsbuch mit. War es früher ein Gedichtband von Heinrich Heine, so ist es dieses Mal das Tagebuch der Motorradreise LATINOARMERICA von Che Guevara." Dabei krempelt er seinen Hemdsärmel hoch und auf seinem linken Oberarm kommt das berühmte Bild von Che zum Vorschein, gut 15 cm groß. Das Weihnachtsgeschenk von seiner derzeitigen Begleiterin und deren Mutter. Was schenkt man einem Dichter, der alles hat und schon überall war?" Warum Hocher sich gerade mit dieser Weltfigur" identifiziert, beschreibt er in seiner CUBA LIBRE-TOUR. Ich hab viel von Rainer J. Hocher gelesen, hab all seine Bücher auf'm Regal stehen und jedes neue erscheint mir immer viel besser und ausgereifter als das vorhergehende. Aber so geht es mir nicht nur bei ihm. Nur mit seinen Reimen habe ich mich bis heute nicht anfreunden können. Mein Befremden ging so weit, dass ich im vergangenen Winter selbst ein paar Zeilen über das Phänomen Hocher - Reime" verfasst habe. Hier sind sie: R.J.H. Jetzt hab ich deine acht Bücher durch und wenn du kein verdammt guter Lügner bist, dann kenne ich dich jetzt um ein gutes Stück besser. Bin echt froh, dass du nicht in deinen roten DDR-Löchern stecken geblieben bist, sondern vielmehr die Kraft gefunden hast dich aus dem Sumpf selbst zu befreien Und wie knallhart du den schnellen Wechsel von Ost nach West durchgezogen hast - beachtenswert Dabei hat deine Schreibe noch optimal profitiert Nebenbei noch die vielen Weiber, der Sport, das beinharte Training mit der Rennmaschine auf den schmalsten Reifen mit den unzähligen quälenden Anstiegen, den lebensgefährlichen Abfahrten bei Regen - ist schon ein Ding für so einen Löwen wie dich! Gottlob bist du kein Radprofi geworden - so können wenigstens mehr Menschen von deinem Talent profitieren - auch später noch PS: Nur lass mir ja die Finger von der Reimerei! h.s. Paris, 26.12.2000 Darauf kommen wir jetzt zu sprechen. Und praktisch den Gegenbeweis antretend, zitiert er sich selbst in seinem Gedicht: FREI NACH EUGEN ROTH Ein Mensch, der noch nicht Dichten kann, fängt immer erst zu Reimen an. Hat er die Dichtkunst dann begriffen, sind seine Worte wohl geschliffen. Nun will er endlich mal was sagen, doch wer versteht des Dichters Fragen? Die vielen Bilder in der Sprache sind des Laien größte Plage. Und der arme Dichter denkt: als Maler wär' ich schon gehenkt! "Und ich ich war nie untätig. Was die Maloche betrifft nicht und schon gar nicht, was meine Schreibe angeht. So gibt es von mir noch Kindergeschichten, verschiedene Stories, eine Reisebericht über Island und noch uwei Manuskripte liegen fertig bei mir in der Tischlade. Und in ein paar Wochen kommt ja mein "Löwe" raus, wie du weißt." Und ob ich das weiß! "Ich lese dir mal die Rezension des Buchautors Scheider aus Bremerhaven vor: Hocher schreibt, was wir nur zu denken wagen. Ich behaupte sogar, dass die Hauptfigur seiner Stories austauschbar ist gegen jeden von uns. Seine Sprache ist literarisch anspruchsvoll und direkt zugleich. Er nennt Wahres beim Namen, versucht erst gar nicht, Derbes und doch Menschliches zu maskieren. Seine Stories und Gedichte sind authentisch, beschreiben den Alltag des Schriftstellers. Unscheinbare Momente aus mitten aus dem Leben gegriffen sind Zielscheibe seiner Schreibe. Unverblümt gibt er seinen Lebensstil und seine Gedanken preis; mutig und ehrlich. Seine Echtheit ist nicht verbogen, nicht angepasst an die Klischees und Masken unserer Gesellschaft. Sicher mag seine Sprache zuweilen derb erscheinen, aber das Leben ist auch nicht immer fein. Hocher reißt für uns alle Fassaden ein, zeigt uns vielleicht unser wahres Gesicht." Rainer ist stolz auf solche Aussagen, das sieht man seinen leuchtenden Augen an. Inzwischen sind wir beim Wein angekommen. Er trinkt Roten genauso wie Weißen, billigen Fusel ebenso wie eine teure Bouteille. Er betäubt sich regelmäßig, trinkt sich in einen Rausch - in einen Schreibrausch. Und dann arbeitet er sehr diszipliniert, setzt sich an seinen kleinen PC, von dem er keine Ahnung hat, wie er funktioniert, und schreibt Seite um Seite voll; bis er das nächste Buch beisammen hat. In letzter Zeit bin ich zu seinem Starfotografen" avanciert. Du, Alter! Für mein neues Buch brauch ich auch ein aktuelles Foto von mir. Dachte an eines mit viel Rauch und so." Machen wir Rainer, is' kein Problem für mich!" So plaudern wir noch bis zum späten Nachmittag, dann fahre ich den von der langen Autofahrt von Norddeutschland bis Wien und vom Alkohol doch ziemlich gezeichneten Dichter unserer Tage zu seinem Quartier hinüber in den 10. Wiener Gemeindebezirk. Er wird Den Löwen, dem man nicht die Eier lecken soll" in ein paar Wochen herausbringen, er schreibt gleichzeitig noch an zwei weiteren Büchern, ist eitel bis in die Haarspitzen seiner langen Mähne, ein Schwerstarbeiter, der sich wochentags an Werkbänken und in Auslieferungslagern für die Firmenbosse prostituiert, der in den Nächten einen Text nach dem anderen raushämmert und der schneller lebt als wir normale Menschen. Das sieht man seinem Gesicht, aber auch seinen Texten inzwischen recht deutlich an. Helmut Schida; Wien Anfang Juni 2001 zurück |